Der lange Weg zum stolzen Christbaum

Seit 1605 gehört der Christbaum zum Weihnachtsfest. Von der Plantage bis ins Wohnzimmer hinein ist es jedoch ein langer Weg.

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Vertreter des Landwirtschaftsministeriums sägen eine Tanne um −
und eröffneten damit die bayerische Christbaumsaison.
Foto.: Birgmann

Wenn in gut zwei Wochen die Stube wieder einmal schöner glänzt als ein geputzter Kronensaal, dann wird er viele Kinderaugen erfreuen: Der Christbaum. Aber bis dahin ist es ein langer Weg. Christbäume sind keine wildwuchernden Pflanzen, die nur darauf warten, eingenetzt und abgeholt zu werden. Familie Geiß aus Eichendorf (Lkr. Dingolfing-Landau) bewirtschaftet eine Christbaumplantage und wenn es in diesen Tagen dem Endspurt zugeht, dann ist das nur Ergebnis monatelanger Arbeit.

Die Mühe lohnt sich – heuer hat Familie Geiß schon zum zweiten Mal den schönsten Christbaum Bayerns herangezüchtet. Deshalb startete die bayerische Christbaumsaison auch damit, dass ein Vertreter des Landwirtschaftsministeriums in einer Geiß-Plantage ein Bäumchen umgesägt hat. Doch bevor einer Tanne so eine Ehre zuteil wird, muss sie erstmal wachsen – da heißt es gründlich nachhelfen.

Christbaumspitze ist besonders empfindlich Walter Geiß kämpft sich mit seiner Tochter Daniela durch den dichten Tannen-Dschungel. Daniela Geiß schleppt eine Benzin-Heckenschere mit sich herum. Die Blicke von Vater und Tochter fliegen hin und her, bis Walter Geiß plötzlich auf einen Baum deutet und meint: "Den könntest du schneiden." Daniela wirft ihr Werkzeug an und führt es schräg von der Spitze zum Boden – viele Ästchen fallen auf die Erde oder bleiben im Nadelkleid der Tanne hängen.

 

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Mit der Benzin-Heckenschere bringt Daniela Geiß den Christbaum in seine typische A-Form. Der Formschnitt macht das Nadelkleid auch dichter.
Foto: Haslböck

"Die Bäume müssen ab einem gewissen Alter formgeschnitten werden. Bei normalem Wuchs bilden sich in abwechselnder Reihenfolge längere Haupt- und kürzere Nebenkränze. Seine dichte A-Form erhält der Baum erst durch den Schnitt", weiß Walter Geiß.

Die Form ist für viele Käufer ein Hauptkriterium, aber natürlich fallen in einer Christbaumplantage auch noch andere Arbeiten an. Das beginnt schon bei den Baby-Christbäumen: Die zieht Walter Geiß selbst heran, nach vier Jahren kommen sie auf die Plantage – gepflanzt wird im April. Im Mai gilt es zu düngen und ab Juni kommt die "Topstoppzange" zum Einsatz: Sie wird an der Baumspitze angesetzt, ein kurzer Zwicker reduziert nachhaltig den Saftstrom zu den oberen Knospen. Das hemmt den Längenwuchs der Spitze. Die ist sowieso höchst empfindlich: "Bei jungen Bäumen ist die Spitze butterweich. Wenn sich da ein Vogel draufsetzt, bricht sie sofort ab." Deshalb werden im Juni die Vogelstäbe senkrecht am Stamm befestigt. Die Stäbchen überragen den Wipfel um ein paar Zentimeter. Die Vögel landen für gewöhnlich auf diesem Stab und schonen so die Spitze.

"Auch die Eisheiligen machen den Bäumen zu schaffen. Besonders ärgerlich ist es, wenn die Spitze abfriert", erklärt Geiß. Der Baum ist zwar deshalb nicht verloren, aber fortan von einem Schönheitsmakel gezeichnet. Dann muss nämlich das beste Ästchen des obersten Kranzes himmelwärts gebogen werden – der Baum wächst weiter, hat aber einen Knick im Stamm. "Wenn das richtig zugewachsen ist, sieht man es zwar nicht, aber solche Bäume geben wir oft an Supermärkte weiter." Hat ein Baum all diesen Widrigkeiten getrotzt und auch schon acht bis zehn Jahresringe angesammelt, dann darf er am Heiligen Abend endlich funkeln und leuchten.

Seit 1605 ist das Christbaum-Brauchtum nachweisbar – im Elsass, in Baden und in der Rheinpfalz. Von dort aus verbreitete sich der Brauch im ganzen Reich, argwöhnisch beäugt von der katholischen Kirche. Die hielt zunächst nicht viel von dieser protestantischen Sitte. Doch nachdem der Christbaum spätestens im 18. Jahrhundert zum festen Bestandteil des protestantischen Weihnachtsfestes geworden war, brachen alle Dämme. Über das evangelische Franken kam der Baum nach Bayern − im 19. Jahrhundert hatte er auch hier seinen festen Platz gefunden. Adelsfamilien trugen den Brauch ins übrige Europa und ein deutscher Professor nahm die Sitte mit in die neue Welt, unterstützt von zahlreichen Auswanderern.

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts konnte man sogar den sozialen Status einer Familie am Christbaum ablesen. Heute gibt es hingegen einen klaren Trend: "Die Nordmanntanne ist der typische Christbaum – sie hat ein schönes Bäume mit mehr Harz riechen intensiver Grün und sticht kaum", weiß Walter Geiß. "Allerdings duftet sie auch nicht so intensiv wie andere Bäume, weil sie weniger Harz führt. Eine Blaufichte etwa verbreitet einen viel intensiveren Geruch." Form und Farbe bleiben aber Geschmackssache. Geiß meint, da sei es wie in der Liebe: "Der eine glaubt, seine Frau ist die allerschönste und der andere sieht darin nur eine besonders grobe…" Der Experte rät auch, mit der Baumgröße aufzupassen − die Ausmaße unterschätze man leicht.

Die ersten Bäume schlägt Familie Geiß im November. Aus eigener Erfahrung weiß Walter Geiß, dass ein zeitiger Kauf die Nerven schont: "1987 habe ich mich für besonders schlau gehalten und gemeint, kurz vor Weihnachten noch einen Baum zu finden. Da war aber nichts Gescheites mehr dabei – so bin ich erst darauf gekommen, selbst eine Plantage zu gründen."

Dabei ist es qualitativ kein Problem, den Baum schon einige Wochen vorm Weihnachtsfest zu kaufen. "Einfach draußen liegen lassen, Regen und Schnee halten ihn frisch!" Und wie zögert man später das Nadeln hinaus? Geiß lacht: "Den Christbaumständer mit Wasser füllen, das wäre ein guter Anfang. Und nicht übertrieben heizen." Vor allem empfiehlt er, sich einen bayerischen Christbaum zuzulegen. "Der ist heimisch, frisch und nicht quer durch Europa gereist." Von "Pressware" aus Skandinavien hält er nichts: "Die werden für den Transport dermaßen zusammengestaucht, dass die Qualität extrem leidet. Außerdem werden sie schon im Oktober gefällt. Was soll da noch halten?"

Obwohl seine Kinder viel Arbeit übernehmen, kennt Walter Geiß seine Bäume in- und auswendig: "Wenn ich auf dem Markt einen Baum verkaufe, dann weiß ich oft, wo er genau gestanden hat." Und welchen Baum hat der Christbaumexperte selbst im Wohnzimmer stehen? Da ist Geiß pragmatisch: "Ich nehm’ den, der übrig bleibt."

Der Autor Thomas Haslböck ist Stipendiat und derzeit in Deggendorf eingesetzt. Ein Weihnachten ohne Christbaum ist für ihn unvorstellbar.

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